Wir haben junge Schweizer Architekturbüros gefragt, welche Bedeutung Architekturtheorie in ihrer täglichen Arbeit besitzt. Hier sind einige Antworten.


Im Unterschied zu den meisten etablierten Lehrfächern im Architekturunterricht hat die Architekturtheorie - noch? - keine verfestigte disziplinäre Grundlage, Struktur oder Methodologie. Diese fehlende „Disziplinierung“ betrachten wir als eine Chance, um ein dynamisches Lehrfach aufzubauen, das sowohl mit den Natur- und Technikwissenschaften als auch mit den Geisteswissenschaften in engster inhaltlicher und methodologischer Verbindung steht. Die Identität der Architekturtheorie als Unterrichtsfach steht in engem Zusammenhang mit den Lehrzielen und Methoden der Architekturschule, die ihr Zuhause ist. Diese Tatsache erfordert keine affirmative Haltung, die ihre Aufgabe in einer nachträglichen Legitimierung der Entwurfsphilosophien sieht, sondern bietet eine Chance, um die Ziele und Methoden, die Vielzahl der vertretenen architektonischen Positionen kritisch zu reflektieren.
Eine erfolgreiche Praxis benötigt neben der soliden und pragmatischen Vermittlung der Grundlagen auch Impulse, die sich einer kritischen Reflexion auf die Architekturpraxis, sowie auf die sozialen und kulturellen Implikationen der Architektur verdankt. Das Unterrichtsfach Architekturtheorie versteht sich in diesem Sinn als ein In-Fragestellen und Problem-Formulieren, das sich wissenschaftlicher Methodik verpflichtet. Es will die Studenten zur eigenen Reflexion bringen, statt sie davon abzuhalten. Der Lehrbereich Architekturtheorie baut sein Lehrangebot entsprechend auf. Das wichtigste Werkzeug in unserer Toolbox ist die Untersuchung jener Begriffe, die so nahe am Zentrum des Denkens über Architektur stehen, dass sie die Entwurfs- und Planungspraxis konstituieren. Um das gegenwärtige Verständnis von Architektur zu erfassen, muss man sich mit der Geschichte solcher Begriffe befassen. Wir können gleich mit dem Begriff Architektur beginnen, um weiterzufragen: Was ist Raum? Was ist Funktion? Was ist Tektonik? Von dieser archäologischen Arbeit kann man nur erwarten, dass ein Problem verstanden, nicht aber, dass es „gelöst“ wird.

Diese Beschreibung der Aufgaben des Architekturtheorieunterrichtes mag als Rückzug auf die Sprache gewertet werden. Obwohl es ja in der Tat um sprachliche Prozesse geht, trifft das Wort Rückzug überhaupt nicht. Architekturtheorie steht für eine bestimmte Art, sich der Architektur anzunehmen: Sie beeinflusst das begrifflich organisierte Verständnis, das von entscheidender Bedeutung dafür ist, wie wir die gebaute (und nicht nur diese) Welt sehen und mit ihr umgehen.

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Prof. Dr. Ákos Moravánszky
6291456